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Matthäus Smodis ist einer von zwölf Deutschen, der ein steuerbares Luftschiff fliegen kann – ein Rundflug über Köln

„Egal wohin du willst, wir fliegen um die Welt, haun‘ sofort wieder ab, wenn es dir hier nicht gefällt. Ost, West oder Nord, hab den Jackpot an Board, will von hier über London direkt nach New York“ – diese Textzeilen von dem Rapper Cro könnte auch der Frechener Matthäus Smodis summen. Denn er ist heute in Frechen, wacht morgen in Havanna auf, und ist übermorgen vielleicht schon auf dem Weg nach Tokio – und meistens in der Luft. Matthäus Smodis arbeitet als Pilot mit mehr als 20 000 Flugstunden. Aber seine Leidenschaft gilt dem reinen Fliegen, mit rudimentärsten Geräten und einfachsten Mitteln – als Luftschiffpilot.

„Das ist Basic-Fliegen, das ist das Tolle daran, ohne diese ganze Technik. Das hat nichts mit einem Flugzeug zu tun, das schnell und effizient sein muss“, schwärmt er noch auf dem Boden am Butzweiler Hof, dem ehemaligen Luftkreuz des Westen und inzwischen stillgelegten Flughafen im Kölner Westen. Von dort soll es an diesem Tag in die Luft gehen, mit einem seiner Luftschiffe: Das 41 Meter lange Schiff mit 13 Metern Durchmesser schwebt mit Hilfe von 3000 Kubikmeter Heißluft und kann angetrieben von einem Propeller-Flugmotor zwischen 150 bis 3000 Meter hoch bis zu drei Stunden bis zu vier Personen fliegen.

Die Augen des 53-Jährigen glänzen vor Begeisterung, als er fortfährt: „Man sitzt im freien Himmel und wird nur von der Luft getragen, nicht in 12 Kilometern Höhe wie in Verkehrsflugzeuge, sondern in 150 Metern, da bekommt man alles mit.“ Und jetzt ist er erst richtig in Fahrt gekommen: „Es gibt mehr Astronauten in Deutschland als Luftschiffpiloten – das ist eine handverlesene Gemeinde von acht Menschen.“ Einer von ihnen ist er.

Zusammen mit seinem zweiten Luftschiffpiloten Ralph Kremer tritt er Ende Januar bei den deutschen Meisterschaften am Tegernsee an – gegen die übrigen fünf deutschen Luftschiffpiloten, den russischen, den litauischen und den polnischen. In verschiedenen Disziplinen wie Slalom oder Geschicklichkeitsparcours kämpfen sie in ihren Luftschiffen hoch über dem Tegernsee um den Sieg. Ganz neidlos gibt Smodis im Hinblick auf seine Chancen zu: „Wenn einer etwas gewinnen kann, ist das mein Pilot Kremer.“

SAMSUNG CSC
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Unter dem Fauchen der Gasflamme über den Köpfen von Pilot Smodis und der Autorin neben ihm auf dem Co-Pilot-Sitz, hebt das Luftschiff langsam vom Boden ab. Je kleiner der ausrangierte Flughafen Butzweiler Hof unter den Füßen der beiden Luftschiff-Reisenden wird, desto mehr pfeift der 0 Grad kalte Wind durch die offenen Seiten der kleinen Kabine. Doch die Aussicht lässt die Kälte rasch vergessen. Kaum ist man über den Dächern von Ossendorf und hält auf die Domspitzen zu, sind die vom Fotografieren eingefrorenen Finger genauso irrelavant, wie die etwaige Höhenangst, die einen beschleichen könne, überlegte man sich genauer, dass man auf einem zusammengeschweißten Gestänge ohne Fenster und Türen sitzt, getragen von mit heißer Luft gefüllter handgenähter Ballonseide, die mit einfache Karabinerhaken an dem Gestänge befestigt ist. Atemberaubend.

Luftschiffe sind quasi steuerbare Ballone mit Heckantrieb. Im Gegensatz zu den schwebenden Ballons, die wie Treibholz den Launen des Windes ausgeliefert sind, können sie richtig geflogen und manövriert werden. Allerdings simpel. Es gibt kein Steuerknüppel wie im Cockpit, sondern ein Seil, das man entweder auf die einen oder anderen Seite zieht und sich das Heckruder und damit das Luftschiff zur einen oder anderen Seite bewegt. Fliegen wie in den Anfängen der Luftschifffahrt. Ähnlich wie die Vorreiter der Luftschifffahrt, die Zeppeline, haben sie auch deren Form, nur nicht ein Gerüst wie die Flug-Dinos, die zwischen einer und 12 Millionen kosten im Vergleich zu einem Luftschiff rund 350 000 Euro.

Derweil zieht die Stadt lautlos und zum Greifen nah unter den Blicken den beiden Luftschiff-Reisenden vorbei. Sie lassen den Domspitzen auf Augenhöfe vorüberziehen, und sich treiben über die Hohenzollernbrücke zur Lanxess-Arena. Schauen in die oberen Etagen der Bürotürme und treiben wieder zurück über den winterlich braun-schlammigen Rhein, über den Neumarkt, den Ring hinunter bis zur Südstadt. Machen einen Kleinen Abstecher über die Autobahn A4, die sich wie ein langsam erglühender Ledleuchtende Lichterkette durch die dunkler werdenden Landschaft windet. Und lassen sich schließlich langsam sinken über dem Rodenkirchener Wald. So tief bis die Baumspitzen fast die Kabine berühren. Hier zeigt sich wieder das notwendige Manöviergeschick, als das Luftschiff mitten in dem Wald auf der Lichtung des forstbotanischen Gartens gleich neben der Bodencrew und ihrem Fahrzeug landet. Kinderleicht. Scheinbar. Und erst als die Kabine sanft auf dem Boden aufschlägt, spürt die Luftschiff-Reisende plötzlich und schlagartig die Kälte, die sich ihrer während des zwei Stunden langen Flugs bemächtigt hat. Eingefroren, aber immerhin unter den Wolken.

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