Die Lehmhütten von Rajasthan

Zu Besuch bei den Tribals, einem indigenen Volk in Indien. Das Leben schlägt einen anderen Takt. Gelassener geht es zu, auch genügsamer, als im Westen – mit ganz neuen Herausforderungen

Udaipur. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass die Rahmenbedingungen mich an meine Grenzen bringen würden. Die Hitze im indischen Wüstenstaat Rajasthan – samt ihrer beunruhigenden Kobradichte. Oder die kalten Nächte in einer nicht isolierten Lehmhütte – gemeinsam mit einer Großfamilie, zehn Hühnern und vier Ziegen. Vielleicht auch das wahnsinnig scharfe Essen oder die hygienischen Bedingungen. Nichts davon. Als ich in einer Familie der Tribals wohnte, die zur indigenen Bevölkerung Indiens gehören und oft wegen ihrer Armut auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind, stellte mich vor allem eines auf die Probe: Meine eigene westlich sozialisierte und auf Effizienz ausgerichtete Ungeduld. Wie kann man nur so genügsam leben? Sich so bewundernswert stoisch einem ereignislosen Tagesablauf widmen, der nur ab und an von Kochen, Ziegen-Melken oder Feldarbeit unterbrochen wird – ohne Nachrichten, Zerstreuungen des Internets, Fitnessstudio oder Kino? Wie kann man nur so viel Zeit damit verbringen, einfach herumzusitzen? Wie kann man mit so wenig, so zufrieden sein? Urlaub ist dort ein Fremdwort.

Bei unserer Ankunft in Udaipur befinden wir – Roland Zielbauer von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und ich ­– uns auch nicht im Urlaub, sondern nehmen an einem Exposure- und Dialogprogramm teil vom gleichnamigen Verein aus Bonn. Exposure bedeutet, sich in etwas hineinbegeben, sich etwas aussetzen. Die Idee des Eintauchens in die Lebensrealität der Armen entwickelte die Katholische Kirche in den 60er Jahren in Asien. Dies griff die Bundesrepublik in den 80ern auf, um die Entwicklungshilfe auszubauen, und es mündete schließlich in dem 1992 gegründeten Verein und inzwischen 700 Teilnehmenden wie entwicklungspolitische Experten, Bundestagsabgeordnete, Bischöfe, Unternehmer oder Banker an mehr als 70 Programmen. Wir beiden, ich als Pressereferentin der NGO Femnet, die sich vor allem für bessere Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in der Kleiderindustrie einsetzt, sind nun hier in Rajasthan, wo viele im Baumwollanbau am Anfang der Textilproduktion arbeiten.

Ein Taxi hat uns eineinhalb Stunden von Udaipur entfernt an einem Feldweg abgesetzt. Von dort führt uns unsere Übersetzerin Grace über holprige Pfade zu dem Lehmhaus unserer Gastfamilie. Ich bin ein wenig besorgt, ob man nicht als Eindringling empfunden wird. Doch das zerstreut sich bei der herzlichen Begrüßung vor dem Haus. Nach einem allseits gemurmelten „Namaste“ samt leichter Verbeugung bittet uns der 46-jährige Vater Kesu auf dem vor dem Haus stehenden Bett Platz zu nehmen. Seine drei Jahre jüngere Frau Sarla hält sich schüchtern im Hintergrund, ihr Gesicht aus Respekt vor den Fremden mit dem Sari bedeckt, neben mit ihren beiden Söhne Kishan (6) und Karan (8).

Nach wenigen Minuten sind wir umringt von Nachbarn, die unter der Anleitung des nebenan wohnenden Großvaters innerhalb kürzester Zeit zwei Betten zusammenbauen: Acht Hölzer stecken sie zu einem Rahmen mit Beinen zusammen und bespannen ihn mit einem Baumwollband. Fertig. Das Ikea-Prinzip auf Indisch. So schnell haben wir gar nicht den süßen Tee ausgetrunken, der würzig nach Kardamon und Ingwer schmeckt und dessen Zuckergehalt eine ganze Mahlzeit erübrigt.

Über das Feld nähert sich die zwölfjährige Tochter mit einem Bündel Feuerholz, so groß ist wie sie selbst, auf dem Kopf. Vier Stunden ist sie unterwegs, um es um sammeln und kommt rechtzeitig vor dem Abendessen. Gekocht wird auf offenem Feuer in dem fenster- und kaminlosen Wohnraum: Reis mit feurig-scharfem Dal. Wir beiden Europäer können nicht mehr unterscheiden, ob unsere Augen vom Rauch des Feuers oder vom Essen tränen, während die Familie fröhlich schmatzend und völlig unbeeindruckt von der beißenden Schärfe große Mengen Dal mit den Fingern im Mund verschwinden lässt. Diese Geräuschkulisse ist jedoch nicht als schlechte Manieren misszuverstehen, sondern bedeutet in ihrer Kultur einfach, dass es schmeckt. Der nicht mehr als 15 Quadratmeter große Raum dient gleichzeitig als Küche, Wohn- sowie Schlafzimmer für die Familie, die auf dem Lehmboden schläft, und uns samt der vier Ziegen und zehn Hühner. Abgeschirmt hinter einem halbhohen Mäuerchen lassen die jedoch entgegen aller Befürchtungen nachts fast keinen Mucks von sich hören. Der Vater Kesu schläft draußen auf der Terrasse, um die Kühe und Wasserbüffel vor Dieben zu schützen und aufzupassen, dass niemand den Eimer in den Brunnen wirft. Beides wäre eine kleine Katastrophe.

Zwei funzelige Lichter, eines im Haus, eins vor der Terrasse, brennen die ganze Nacht hindurch „um die Ratten zu verscheuchen“, wie die Mutter Sarla pragmatisch erklärt. Sie wohnen im löchrigen Dach und haben bereits die Teegläser der Familie vom einzigen Regal im Raum geschubst und zerbrochen.

Überhaupt ist der ganze Besitz mit einem Blick zu erfassen: die Ziegen, die Hühner, zwei Kühe und ein Wasserbüffel sowie die zwei Felder vor ihrem Haus. Ein Ast an dem Baum vor dem Haus dient als Kleiderständer. In der Vorratskammer gibt es noch eine bescheidene Kiste für alle übrige Kleidung. Alles in allem nicht mehr, als wir beiden allein für die drei Tage dabeihaben. Die Vorräte lagern in Gefäßen. Ein Kühlschrank: Fehlanzeige. Dieser Luxus wäre allein wegen des Stroms nicht möglich, den es nur nachts gibt.

Eigens für uns haben sie ein Toiletten- und Duschhäuschen mit einem staatlich finanzierten Programm gebaut. Wobei die Dusche aus einem Wassereimer besteht. Das am Morgen eiskalte Wasser nutze ich für eine nur kurze Katzenwäsche. Die Familie wäscht sich weiterhin unter offenem Himmel an der Wassertonne.

Nach einem zuckrigen Tee zum Frühstück, der wach und satt bis zum Mittagessen macht, sitzen wir abermals auf den wieder vor das Haus gestellten Betten. Sarla versteckt ihr Gesicht nicht mehr hinter dem Sari und spricht wild gestikulierend mit uns auf Hindi, das uns Grace übersetzt. Wir erzählen ihr vom Winter in Deutschland, zeigen Fotos von unseren Familien, vom Kölner Dom und dem Karneval, den Sarla mit einem ungläubigen Kichern quittiert. Wir tauschen uns über den Alltag aus, wie wir arbeiten und leben.

Ihre beiden älteren Töchter, Hema (16) und Bherki (20), mussten sie noch vor einigen Jahren auf die Baumwollplantagen in den benachbarten Bundesstaat Gujarat schicken, um dort die Blüten per Hand bestäuben. Dafür werden gern Kinder angeworben, weil sie billig und geschickt sind. Oft sind auch unter 14-Jährige darunter, obwohl das offiziell als Kinderarbeit verboten ist. Sie wohnen dort in Camps, arbeiten in sengender Hitze auf Feldern, besprüht mit Pestiziden, und kommen nach rund drei Monaten Arbeit zurück mit einem Lohn von oft nicht mehr als 50 Euro. Doch weil sie allein von ihrer Subsistenzwirtschaft nicht leben können, sind viele Tribal-Familien darauf angewiesen. Die beiden Töchter stellen inzwischen kleine Steinstatuen an der Grenze zu Gujarat her, wo sie ein wenig besser verdienen. Doch das reicht gerade, um die Familie über Wasser zu halten. Sie haben nur die 5. Klasse erreicht und werden daher womöglich immer nur im Niedriglohnsektor arbeiten.

Ganz anders die Zwölfjährige Sheva. Sie könnte eine Chance für die Familie sein. Emsig wuselt sie um uns herum, jagt die Ziegen und Hühner aus dem Haus, fegt den Boden, sammelt den Kuhdung ein, um ihn zu trocknen und zu verfeuern. Bringt die Kühe und Wasserbüffel auf das Feld. Wäscht das Geschirr. Doch plötzlich steht sie strahlend vor uns in blitzblanker und gebügelter Schuluniform, stolz und glücklich, in die Schule gehen zu können. Wissbegierig will sie alles über unser Land erfahren. Welche Tageszeit dort aktuell herrscht oder wie es ist, mit einem Flugzeug zu fliegen. Gebannt schaut sie mir beim Kindle-Lesen über die Schulter und flüstert die Buchstaben einer fremden Sprache. Derzeit besucht sie noch über ein Stipendium die weiterführende Schule, da die Schulen nur bis zur 5. Klasse sind kostenfrei sind. Auf die Frage, was sie später werden will, antwortete sie ohne zu zögern: „Ärztin!“ Doch die Chance, dass ihr Vater das wenige Geld in ihre Ausbildung investiert, ist gering. Und schon läuft sie mit ihrer Freundin über das Feld zur Schule, etwa eine Stunde zu Fuß. Einige ihrer Klassenkameradinnen gehen sogar 14 Kilometer dorthin.

Derweil sitzen wir immer noch vor dem Haus. Unsere ergebnisorientierte Ungeduld treibt uns zu Unternehmungen. Wir besuchen die Schule, Kesu bei der Feldarbeit und den Markt im nahegelegenen Dorf. Verbringen viele Stunden der Tage mit Herumsitzen. Und Tee trinken.

Abends am Feuer, als Sarla das Essen kocht, beschwert sie sich über ihren Mann, der nach der Feldarbeit mal wieder nicht nach Hause gekommen ist, sondern mit seinen Freunden etwas trinkt. Laut Grace ist Alkoholismus unter Männern ein weitverbreitetes Problem bei den Tribals. So kümmere sich Kesu auch nicht darum, das löchrige Dach zu reparieren, in dem schon die Ratten hausen. Sobald der Monsun in jetzt zwei Monaten beginnt, wird es durchregnen und die Familie im Nassen wohnen müssen.

Zu dem Zeitpunkt befinden sich Roland Zielbauer und ich schon längst wieder hinter Dreifachverglasung und in den zentralbeheizten vier Wänden, in denen das Licht nicht aus dem Grund brennt, um die Ratten zu verscheuchen.

So verließen wir die Familie mit der Erfahrung einer fast grenzenlosen Gastfreundschaft – das Wenige, das sie hatten, teilten sie. Und kehrten zurück in ein Land, das fremde Menschen teils zwar willkommen heißt und freundlich aufnimmt. In dem teils aber auch Fremde, die nur in die Nachbarschaft ziehen, feindlich angegangen, sogar angegriffen werden. Und der Gedanke, mit völlig Fremden, wenn auch nur für Tage, das eigene Wohn- und Schlafzimmer zu teilen, für die meisten doch sehr befremdlich ist. Manchmal kann weniger auch mehr sein.

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