HIV ist keine Biowaffe

Matthias Gerschwitz ist Buchautor und Inhaber einer Werbeagentur. Seit 18 Jahren lebt er mit HIV. Trotz der zehn Tabletten, die er jeden Tag schlucken muss, geht es ihm gut damit, sagt er

Wahrscheinlich war es an einem seiner Abschiedsabende, bevor er von Köln nach Berlin zog, als Matthias Gerschwitz sich mit dem HI-Virus infiziert hat. Es war viel Alkohol im Spiel und an den Namen des Mannes, mit dem er an dem Abend nach Hause ging, kann er sich nicht mehr erinnern. Gerschwitz lebt jetzt seit 18 Jahren mit dem Virus, aber er hat sein Leben auch zum Positiven verändert: Er lebt seitdem bewusster. Und er will mindestens 120 Jahre alt werden.

Sie sind Botschafter des Welt-Aids-Tages – was ist Ihre Botschaft?

Matthias Gerschwitz: Ich werbe für Toleranz und Respekt gegenüber HIV-Positiven. Meine Botschaft ist, dass man mit HIV leben kann, dass man mit HIV dank der Therapiemöglichkeiten gut leben kann. Dass man mit HIV auch nicht mehr unbedingt eine Virenschleuder oder eine Biowaffe ist, wie das ein amerikanisches Gericht einmal festgehalten hat.

Wie haben Sie von Ihrer Infizierung erfahren?

Ich habe 1994, weil es mir allgemein nicht gut ging, mich einmal durchchecken lassen und zum ersten Mal einen HIV-Test machen lassen. Der war dann gleich Bingo. Ich habe mich wohl zwei Jahre vorher in Köln angesteckt, an einem Abend, an dem ich aus war und jemanden kennengelernt habe, an dessen Name ich mich nicht mehr erinnere. Aber selbst wenn ich ihn wüsste, ich würde ihm keinen Vorwurf machen – da gehören ja immer zwei dazu. 1994 waren die Chancen, mit HIV zu sterben relativ hoch. Ich habe mir aber keine Gedanken darüber gemacht, was die Folgen der Infektion sein könnten. Ich wusste zwar alles das, was in den Medien stand, aber das betraf eben Andere. Ich habe sicherlich auch viel verdrängt. Hätte ich gewusst, was das im Einzelnen bedeutet, wäre es mir wahrscheinlich gar nicht so einfach vergönnt gewesen, so positiv und mit Lebensfreude an die ganze Sache heran zu gehen.

Wie war die Reaktion Ihre Umfeldes – Ihrer Familie, Ihrer Freunde, Ihres Arbeitgebers?

Die war absolut grandios. Ich gehöre wirklich zu den Ausnahmen der HIV-Geschichte. Ich habe damals in einer Fernsehproduktionsfirma in Köln gearbeitet und Zuschauer für Talkshows organisiert. Ich habe das gleich am selben Tag noch ein paar Kollegen erzählt und meinem Geschäftsführer. Dessen Reaktion war phänomenal: Der hat mich gefragt, ob ich jetzt fest eingestellt werden wollte. Das war ein unheimlich großzügiges Angebot, aber ich habe es abgelehnt, weil mir meine Freiberuflichkeit mehr bedeutet hat. Ich habe meine Entscheidung auch nie bereut.

Sind sie deswegen nicht ein schlechter Botschafter – denn es soll ja auch gerade auf die Diskriminierung von HIV-Kranken am Arbeitsplatz aufmerksam gemacht werden?

Botschafter haben mehr als nur eine Botschaft. Und ich habe noch eine andere Botschaft: Ich bin der Meinung, wenn jemand das allererste Mal mit dem Thema HIV konfrontiert wird und er in den Informationen nur findet, wie schlecht es Leuten damit geht, ist das erstmal kontraproduktiv. Es macht mehr Sinn, zu erfahren, dass es auch positive Perspektiven geben kann, dass das Leben nicht gleich vorbei ist. Ich finde, man darf HIV nicht einseitig betrachten – es ist inzwischen eine ebenso chronische Krankheit wie zum Beispiel eine Diabetes. Nach wie vor unheilbar, aber eben behandelbar. Damit heißt es nicht mehr: HIV gleich Aids gleich Tod. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass eine Infektion mit HIV nicht das Wünschenswerte ist.

Gerade Jugendliche, die die Anfänge der Epidemie nicht miterlebt haben, empfinden HIV nicht als gefährliche Krankheit – ist das nicht auch problematisch?

Ich habe festgestellt, dass in der Gruppe der Mittezwanzig- bis Mittedreißigjährigen oft eine unglaubliche Sorglosigkeit herrscht – mit der Folge, dass es so leicht zu vermeidbaren Infektionen kommt. In der Gruppe der 16- bis 20-Jährigen dagegen ist Kondomverwendung hochgeschnellt auf etwa 70 Prozent. Da sind die Kampagnen offensichtlich angekommen. Oft höre ich, man sehe den Infizierten die Krankheit an und wisse so, dass man sich schützen müsse. Dann frage ich die Jugendlichen, ob man mir ansehe, dass ich positiv bin. Dann müssen sie „Nein“ sagen und merken, dass es eben anders ist. Andere denken, nur weil es Tabletten gibt, sei HIV mittlerweile heilbar. Dem ist leider aber nicht so.

Inwiefern bestimmt HIV Ihr Leben?

Ich habe die Infektion irgendwann akzeptiert und angenommen. Es gehört jetzt zu mir wie meine gelegentlichen Rückenschmerzen und wie alles andere auch. Ich merke es aber natürlich insofern, weil täglich ein Stapel Tabletten auf mich wartet, sechs morgens und vier abends. Dazu kommen dann auch Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, gelegentliche Motivationslosigkeit, Magenprobleme, Kopfschmerzen und Durchfall. Aber ich bin nach wie vor voll berufstätig mit meiner Werbeagentur. Alle meine Kunden wissen von meinem Status, weil ich sehr offen damit umgehe. Außerdem helfen mir mein Optimismus und meine rheinische Frohnatur dabei. Es ist einfach schön, festzustellen, dass ich trotz der Infektion erfolgreich bin, Bekanntschaften machen kann und nicht ausgestoßen werde – das sind Dinge, über die man sich freut.

Was sind denn die Schattenseiten Ihrer Krankheit – jenseits der Nebenwirkungen?

Es gibt manchmal Momente, in denen ich denke, es wäre angenehmer, gesund zu sein. Aber ich kann es ja nicht ändern. Es gibt Momente des Zweifels, wenn ich nicht weiß, haben irgendwelche Beschwerden etwas mit der Infektion oder dem Alter zu tun – ich bin ja jetzt auch schon 51. Da sind Dinge wie Ausgehen und nächtelang Feiern nicht mehr so spannend. Eine echte Schattenseite ist aber, dass die Krankheit auf die Konstitution geht.

Was sind Formen der Diskriminierung, die Sie erlebt haben?

Der Klassiker ist natürlich: Man lernt jemanden kennen, will zusammen in die Kiste springen. Und wenn er von meinen Status weiß, will er nicht mehr. Da gewöhnt man sich dran. Letztens habe ich mich mit jemanden in meiner Stammkneipe unterhalten, den hat nachher jemand angesprochen, dass er nicht mit mir reden könne, weil ich doch Aids hätte. Da kann ich nur müde lächeln. Ich kann wirklich jeden 25-Jährigen verstehen, der sich nicht outet, weil er Angst vor Mobbing hat. Aber ich bin jenseits der 50, aus dem Kontaktanzeigen-fähigen Alter heraus, habe etwas erreicht, mir kann keiner mehr etwas, ich kann diese Gespräche führen. Und das muss man, wenn man HIV als normale Krankheit begreifen will. Darauf zielt ja auch die Kampagne des Weltaidstages „Positiv zusammen leben – aber sicher“. HIV ist in der Mitte des Lebens angekommen – und die Infizierten sind schon da.

Letztes Jahr haben Sie ein Buch über Ihr Leben mit HIV geschrieben. Warum?

Nicht aus therapeutischen Gründen, das wäre ein langweiliges Buch geworden. Der Auslöser war, dass ich unheimlich vielen Leuten immer das Gleiche erzählt habe, denn viele sind auf dem Stand von Mitte der 90er Jahre stehen geblieben. In „Endlich mal was Positives“ wollte ich beschreiben, wie man mit HIV leben kann, welche Situationen man erlebt. Ich verharmlose trotz meiner optimistischen Schilderung nicht die Krankheit, aber ich möchte die Angst vor der Begegnung mit HIV abbauen. Und ich möchte zeigen, welche Veränderungen es bei mir gegeben hat. Man fängt an, bewusster zu leben, man legt mehr Wert darauf, dass eine Freundschaft eine gute Freundschaft ist. Wenn es nicht ausgewogen ist, bricht man das auch schneller mal ab. Oberflächlichkeit ist scheiße. Das kommt nicht daher, weil ich übermorgen tot sei könnte, ich will 120 Jahre alt werden. Sondern weil Oberflächlichkeit der Tod einer jeden Freundschaft ist.

Matthias Gerschwitz: Endlich mal was Positives. Offensiv & optimistisch: Mein Umgang mit HIV (BoD 2009, 96 S., 9.90 €)

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