Wie immer

Seit Peter Maxrath seinen Herrensalon im Jahre 1964 eröffnet hat, scheint die Zeit stehengeblieben. Nicht nur das gesamte Interieur, die zartrosa Trockenhauben, die Resopalapete, Stühle und Spiegel – alles ist original geblieben, auch der Herrenfriseur selbst – eine Zeitreise

Er ist ein Mann alter Schule. Die Haare ordentlich mit Pomade zurückgelegt. Die Krawatte säuberlich unter dem Arbeitskittel geknotet. Peter Maxrath steht immer kerzengerade, wenn er mal keine Kundschaft hat, sieht man ihn manchmal durch den weißen Fadenvorhang hinter dem Schaufenster seines Herrensalons gegenüber des Frechener Rathauses blicken. Stehend, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er wird den Kamm und die Schere erst aus der Hand legen, wenn es gar nicht mehr geht. „Solange ich mich noch bewegen kann, will ich Haare schneiden. Wenn ich allein in der Bude sitze, fällt mir die Decke auf den Kopf“, sagt der inzwischen 76-Jährige mit leiser Stimme. Er steht nicht gern im Mittelpunkt. Der Kunde ist König. Er schneidet die Haare.

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„Wie immer“, lautet die Ansage der meist schon ergrauten Männer, die durch die Ladentür treten sodass die Türglocke bimmelt. Manchmal sind es die einzigen Worte, die gewechselt werden. Die Männer verstehen sich ohne Worte. Peter Maxrath nimmt ihnen Mantel und Hut ab. Geleitet sie zum Frisierstuhl. Wie er es seit 50 Jahren macht. „Maxrath hat einen großen Vorteil, er quatscht einem nicht die Ohren voll“, sagt ein Kunde. Im Gegensatz zu all den anderen Friseursalons, wo immer wechselnde junge Damen bedienten, müsse man ihm nicht jedes Mal seinen Frisierwunsch neu erklären. Maxrath wisse, was er zutun habe – „einmal ringsherum kürzen und fertig.“ Wie immer.

In den 60er Jahren stehen geblieben

Die Zeit im Herrensalon scheint in 60er Jahren stehen geblieben zu sein. Aus dem Radiorekorder rieselt Musik. Wer in den Spiegel blickt und den Friseur im weißen Kittel mit den leicht ergrauten zurückgelegten Haaren sieht, davor das hellblaue Haarwaschbecken, nebenan die zartrosa Becken samt Trocknerhauben Ton in Ton für Damen, glaubt, er sei auf einer Zeitreise ins Jahr 1964. Und es stimmt. Nicht nur, was das Mobiliar betrifft. Von den Becken über die von hinten beleuchteten Spiegel, Tapete, Stühle, oder die grau-marmorierten Vinyl-Asbest-Bodenplatten bis hin zum Rollenhalter für die papierene Halskrause – fast das gesamte Interieur stammt noch aus dem Jahr 1964. Nur die neuen Frisierumhänge und das Taft-Haarspray stört die nostalgische Harmonie. Und auch Peter Maxrath scheint aus der Zeit gefallen, ein Herr von der alten Schule. Von der Pomade über die Krawatte bis zum Türaufhalten.

Sein Handwerk erlernte Maxrath mit 14 Jahren, als er in die Lehre im Salon Müller in der Luxemburger Straße in Köln-Klettenberg ging. Mit 25 hatte er seinen Meister. Im Jahr 1964, genau am 2. Dezember, eröffnete der damals 26-Jährige seinen eigenen Friseursalon. Seitdem hat sich drinnen fast nicht verändert, dafür draußen um so mehr. Seine Frau, damals 19-jährig, gelernte Einzelhandelskauffrau, schulte um auf Friseurin und übernahm den Damensalon. Denn damals hätte sich keine Dame von einem fremden Herren den Kopf anfassen oder gar frisieren lassen. „Es war immer brechend voll: die Frauen kamen einmal die Woche, meist am Wochenende zum Waschen und Legen, alle zwei Monate zum Waschen, Schneiden, Legen“, erinnert sich seine heute 47-jährige Tochter Claudia Gierens.

Geruch von Kölnisch Wasser

Es roch nach Kölnisch Wasser, das den Herren zur Erfrischung an die Wangen geklatscht wurde und Toska – „mit Toska kam die Zärtlichkeit“. Überlagert nur vom beißenden Geruch des Wasserstoffperoxids zum Blondfärben und des Goldwell-Haarsprays, das tonnenweise in die Dauerwellen frisch frisierter Damenhaare gesprüht wurde. Abends musste der klebrigen Haarsprayfilm von der komplette Einrichtung gewischt werden.

Die Ladenglocke bimmelte ununterbrochen, die Trocknerhauben brummten unaufhörlich. Damals war der Friseur auch gleichzeitig die Drogerie, in der es die komplette 4711-Kollektion, das Carat-Haarwaschmittel oder CD-Seife in Glaskästen ausgestellt zu kaufen gab. Der Fassonschnitt für Herren kostete fünf D-Mark.

Die guten Jahre waren spätestens Anfang der 80er vorbei, nachdem die ersten Drogerien eröffneten. Die erste in Frechen war Ende der 70er Jahre der Seifenplatz, später IhrPlatz, an der Hauptstraße. Der wöchentliche Friseurbesuch der Damen wurde seltener, man duschte, wusch und frisierte sich Zuhause.

Die Glaskästen, in denen die ausgestellten Haarsprays, Kosmetika und Parfums standen, existieren natürlich noch. Maxrath hat darin inzwischen bemalte Klütten ausgestellt. Die Plakate, auf denen die Kunden ihre Frisuren aussuchten, haben helle Rechtecke auf den Tapeten hinterlassen. Der Damensalon ist geschlossen, seitdem sein Frau vor sieben Jahren verstarb. Doch die zartrosa Trockenhauben hängen noch und funktionieren wie immer.

Die Ladenglocke bimmelt. Peter Maxrath hilft dem einen Kunden in den Mantel und nimmt dem anderen Mantel und Schirm ab. Einmal Fassonschnitt – wie immer.

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